Als Pessimist_in

Im Pessimismus liegt die Kraft

Wenn wir ein glückliches Leben führen wollen, sollten wir keinesfalls zu optimistisch sein - schreibt der Schriftsteller und Philosoph Alain de Botton in einem Beitrag bei »GEO«.

Er fragt mit dem Philosophen Seneca: »Welche Notwendigkeit gibt es, über Teile des Lebens zu weinen?«
Und zitiert Nicolas Chamford, einem französischen Moralist des 18. Jahrhundert: »Ein Mann sollte jeden Morgen eine Kröte schlucken, um sichergehen zu können, dass ihm an dem Tag, der vor ihm liegt, nichts Widerlicheres begegnet.«

Obwohl Pessimismus gemeinhin als unattraktive Lebensauffassung gilt, kommt er noch einmal auf Seneca und dessen Buch »Über den Zorn« zurück. Dieser gelangte zu dem Schluss, dass der ganze Ärger und Frust in der Welt aus Optimismus entsteht. Genauer: aus den überzogenen Ansprüchen, die eine optimistische Lebenseinstellung mit sich bringt.

de Botton fragt: Warum ärgern sich die Menschen in England nicht über verregnete Tage? Weil sie gar nichts anderes erwartet haben. Und warum ärgern wir uns, wenn die Schlüssel schon wieder verschwunden sind oder wenn wir mit dem Auto im Stau stehen? Weil wir seltsamerweise fest an eine Welt glauben, in der Schlüssel sich stets an ihrem Platz befinden und die Straßen verkehrsfrei sind.

Wir leben in einer Welt voll übertriebener Hoffnungen

Die allgegenwärtige Norm, dass an Krisen etwas Schlimmes ist, glauben nur Optimisten. 
Seit dem frühen 19. Jahrhundert haben sich die Gesellschaften des Westens eine wissensbasierte Weltsicht zu eigen gemacht. Der Glaube an Fortschritt und Segen der Technik verschmolz in ihr mit der Überzeugung, dass jedes menschliche Problem lösbar sei.
Es sind zwei Fundamente, auf denen Hoffnungen auf das große Glück ruhen: Erfüllung in der Liebe. Und Erfüllung in der Arbeit. An diesen Verheißungen kämpfen wir uns nun täglich ab. Denn mit der optimistischen Zusicherung, dass ein jeder von uns sich in ihnen verwirklichen könne, ist eine gedankliche Grausamkeit verbunden: Und was, wenn nicht? Dann erscheint Scheitern als schuldhaftes Versagen. Und nicht als das, was es eigentlich ist: ein Aspekt unseres Daseins.

Dieser Optimismus nimmt dem Scheitern, der Katastrophe ihre natürlichen Plätze im menschlichen Alltag. Und raubt die Möglichkeit des kollektiven Trostes angesichts unserer fragilen Ehen, unserer unerfüllten beruflichen Ambitionen. Sie verurteilt das enttäuschte Individuum stattdessen zu Gefühlen einsamer Scham.

Eine Gesellschaft, die ihren Mitgliedern pausenlos die Erkenntnis aufdrängt, sie könnten alles erreichen, wird zwangsläufig zu einer Gesellschaft der Unglücklichen, der Frustrierten, der Neider.

Ein pessimistischer Blick als Erfolgsrezept

Scheitern als Möglichkeit von vornherein einzukalkulieren, das ist ein Erfolgsrezept.
Wir wären besser dran, wenn wir diese eigentlich pessimistische Lebenshaltung, die überzogene Erwartungen und Hoffnungen von vornherein dämpft, in den Alltag übernähmen.
Der Pessimismus begreift Momente des Scheiterns nicht als Systemfehler, sondern als bereichernde Facette des Lebens. Der Autor empfiehl!, solche Momente freudig zu begrüßen und dazu »Sad Songs (Say So Much)« von Elton John zu hören

Alain de Botton ist ein britisch-schweizerischer Philosoph, Schriftsteller und Fernsehproduzent. Seine Gedanken finden sich auch unter www.thebookoflife.org

Quelle:
http://www.geo.de/magazine/geo-magazin/15589-rtkl-alain-de-botton-im-pes...

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